Slow?

Deutschland ist eines der wenigen Länder auf der Welt ohne ein generelles Tempolimit. Gut so.


Denn einen Nutzen hat ein solches Limit, das generelle Kriechen, nicht. Was sollte falsch daran sein, auf einer gut ausgebauten Straße so schnell zu fahren, wie es das Mobil zulässt? Eben. Aber: Die fehlende Beschränkung treibt den einen oder anderen deutschen Michel zur Weißglut. Wie kann das sein, dass man einfach machen kann was man will? Das geht in Deutschland nicht. Undenkbar. Da wird auch mal hart gepöbelt.

Klar, der erste Impuls, und es ist auch oft meiner, in solchen Diskussionen: Was um Himmels willen hindert die Tachophoben daran, konsequent mit 80 hinter den LKW herausschleichen? Wenn es doch so toll für alles Mögliche ist - dann macht es doch einfach? Aber nein, darum geht es ja nicht. Es geht darum ALLE zu gängeln. Den eigenen Erkenntnishorizont, egal wie beschränkt der ist, allen anderen aufzuzwingen. Verstöße ahnden zu können. Warum auch immer.

Wer?

Die Regierung Merz macht keine Anstalten was zu ändern. Sie schläft. Also, sowohl da wo es notwendig wäre, wieder mehr Freiheit zuzulassen, etwa bei Steuern, Rente, Krankenversicherungssystem, Wirtschaft und Bürokratie. Aber, man möchte sagen: dem Himmel sein Dank, auch da wo es noch was zu beschränken, zu verbieten gibt. Im Straßenverkehr.

Umso mehr Initiativen und Verbände gibt es, die ein Geschwindigkeitsverbot in Deutschland fordern. Klar, die üblichen Verdächtigen, wenn es um staatliche Regelungen geht, sind alle dabei: Die Linke, Die Grünen, Volt Deutschland und Sarah Wagenknecht haben das Lahmsein programmatisch für sich entdeckt. 

Dann natürlich die NGOs: die Deutsche Umwelthilfe, selbstverständlich. Für die DUH ist alles was mit deutschen Autos zu tun hat, Teufelswerk. Chinesen und Japaner sind gut. Gott ist auch fürs Schleichen, zumindest der evangelische. Die EKD steht höchstselbst auf der Bremse und unterstützt die Kampagne "Alle fürs Tempolimitder Initiative Klimaschutz im Bundestag e.V. (ehemals CO2 Abgabe e.V.), zusammen mit der Gewerkschaft der Polizei. Weiter sind dort auch Koryphäen wie Dr. Quasching (sie erinnern sich: Hats nicht so mit Zehnerpotenzen) und "Opa Manni" vertreten. Manni fährt ne Ape und ist damit unverdächtig überhaupt irgendein Tempolimit verletzen zu können. Glaubt aber fest daran, wenn alle anderen nur 110 fahren, retten wir den Planeten. Niedlich. Oder gruselig, je nach Humor. Der "Verkehrsclub Deutschland" schwärmt von den unglaublichen Vorteilen der Gängelei. Selbstverständlich: Greenpeace ist auch vorne mit dabei, sonst werden wir alle sterben.

Warum?

Die geforderte Höchstgeschwindigkeit variiert von 100 über 130 bis zu "kommt drauf an". 80 auf Landstraßen. Obwohl da ja fast überall schon 70 gilt. In einem sind sich alle einig - SO VIEL individuelle Freiheit wie bisher darf es in Deutschland nicht mehr geben. Im kollektiven Schleichen liegt die Lösung. Und, dafür rühren sie ordentlich die Werbetrommel. Kein Tag auf Facebook, an dem nicht verkündet würde, dass 99 Prozent aller Deutschen Erich zum Generals... äh, nein: ein Tempolimit wollen. 

Aber ist Staatsglaube, Etatismus der einzige Grund für diesen Aufwand? Der Verdacht liegt nahe, wie folgender Screenshot eines Kommentars auf Threads zur Diskussion belegt. Der Pilot ist offensichtlich Freund eines Tempolimits. So wie bei ihm sind die sachlichen Diskussionbeiträge der Befürworter rar gesät:

Zur Erinnerung: Es geht um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Nicht in Vulgarien.

Gibt es auch vernünftige Argumente für ein Tempolimit? Schauen wir uns die Diskussion im Einzelnen an.

Sicherheit

Natürlich. "Sicherheit" ist die Geheimwaffe aller Verbotsfetischisten. Wer könnte schon was dagegen haben, wenn sich die Sicherheit erhöht, für den einzelnen und für alle? Ich sags Ihnen: Ich. 

Berichte über die totenreduzierende Wirkung eines Tempolimits sind in deutschen Magazinen so allgegenwärtig, wie die Klimakatastrophe in den Morgenmagazinen des ÖRR.

Ja. Und wenn wir dann noch die Hausarbeit verbieten, retten wir nochmal 15.000 Menschen das Leben. So viele Tote gibt es jedes Jahr in Deutschland im häuslichen Bereich. Schluss mit der Todesfalle Haushalt! Facebook, Spiegel

Denn erstens ist die Sicherheitsdiskussion oft künstlich. Geprägt von Irrationalität und Panikrhetorik. In Deutschland sterben jedes Jahr circa eine Million Menschen. Das sind in der Stunde mehr, als die angeblich pro Jahr zu rettenden auf deutschen Autobahnen. Die übrigens trotz der "Raserei" mit etwa 300 Unfalltoten pro Jahr bzw. 1,3 Toten je Milliarde gefahrener Kilometer  zu den sichersten der Welt gehören. In Tschechien sind es 2,5, in den USA etwa vier. Trotz Limit. 

Und zweitens ist sie, wenn sie denn ernsthaft geführt wird, eine verführerische Droge. Wenn man schon Menschenleben als politische Währung einführt, dann doch bitte konsequent. Wenn wir Tote als politischen Faustpfand gegeneinander aufrechnen, dann richtig: 50.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen eines Unfalls. Im Haushalt kommen jedes Jahr über 15.000 Menschen um. Fensterputzen verbieten? Die Geschwindigkeit des Treppensteigens begrenzen? Die Sepsis, vulgo: "Blutvergiftung" gehört mit 85.000 Todesfällen pro Jahr zu den häufigsten nicht-natürlichen Todesursachen in Deutschland. Ein erheblicher Teil der Sepsisfälle wäre durch frühere Diagnose, raschere Behandlung und bessere Prävention vermeidbar. Ist das weniger wichtig? Warum versucht der Spiegel da nicht, 90 Menschen zu retten? Halt nicht so einfach, wie Verbote zu erlassen. Nicht so applausfördernd, wie der Ruf nach Schneckentempo.

Klar: jeder Verkehrstote ist einer zu viel. Was liegt also näher, als zu fordern, die Zahl müsse bei Null liegen? Die Antwort ist einfach und sie lautet nicht: Weil das menschliche Leben daraus besteht, Risiken einzugehen. Wer Null-Risiko fordert, kann die Menschen auch gleich in Lager einweisen. Auch nicht: Weil es eine Frage der Balance ist. Eine gesunde Balance zwischen Regelung, staatlichem Schutz und erwachsenem Handeln. 

Nein, die Antwort ist: Weil ich in einer Gesellschaft leben will, in der nicht andere für mich denken. In der ich ein Mindestmaß an Handlungsfreiheit, an Selbstverantwortung behalten will. Weil das für mich einer der Grundpfeiler meines Daseins ist: Selbst zu denken, zu entscheiden und zu handeln. Auch wenn das mit Risiken verbunden ist. 

CO2-Einsparung

Die Geschichte ist schnell erzählt: Realistische Betrachtungen gehen von einer Nicht-Emission von einer Million Tonnen CO2 pro Jahr aus. Und auch nur dann, wenn der Anteil der Elektrofahrzeuge und der mit CO2-neutralen Kraftstoffen betrieben Fahrzeuge nicht weiter steigt. Das sind etwa 4 Prozent dessen, was PKW und leichte Nutzfahrzeuge auf Autobahnen insgesamt an CO2 ausstossen und 0,25 Prozent der deutschen CO2-Emissionen. Global läge der Einsparungseffekt bei etwa 0,003 Prozent. Also so gut wie nichts. Gut, kann man sagen, immerhin etwas. Aber: Wäre man ernsthaft an einer Reduzierung des deutschen CO2-Ausstoßes interessiert, würde man die Stromerzeugung in Deutschland auf regenerative Quellen UND Kernenergie bauen und damit im Vergleich zur aktuellen Stromerzeugung in Deutschland 150 bis 170 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Und natürlich die Umstellung auf CO2-arme Kraftstoffe vorantreiben. Beides passiert nicht. Es ist also ein Vorwand.

Treibstoffeinsparung

Ein interessanter Punkt, denn: Das ist ja zunächst eimal etwas, was in meinem eigenen Ermessens- und Einflussbereich liegt. Der globale Effekt korreliert mit der CO2-Einsparung – ist also irrelevant. Ein Tempolimit rettet uns nicht davor, dass fossile Kraftstoffe dereinst ersetzt werden müssen.

Aber es gibt durchaus Argumentationen, die die Treibstoffeinsparung durch ein Tempolimit für national gesellschaftlich relevant halten. Etwa dadurch, dass man weniger abhängig von Rohstoffimporten wäre. Tja. Wenn ich kurz an die geologische Situation Deutschlands erinnern darf: ja, es gibt durchaus Vorräte an fossilen Kraftstoffen und auch an Kernbrennstoff, die man ausbeuten könnte: Aber – das ist ja politisch nicht gewollt. Und siehe oben: Man hat sich ja absichtlich von Gas und Kohle abhängig gemacht bei der Kraftstoffversorgung.

Die einzigen?

Deutschland ist das tatsächlich das einzige souveräne Industrieland und das einzige EU-Mitglied ohne generelles Tempolimit auf Autobahnen. Auf der Isle of Man gibt es kein generelles Tempolimit – aber auch keine Autobahnen. Häufig liest man in mehr oder weniger sinnvollen Social-Media-Posts die Behauptung auch Nordkorea, Afghanistan, Somalia, Mauretanien und Haiti hätten kein generelles Tempolimit oder keines auf Autobahnen. Das ist aber nicht richtig. Und vor allem: Welche Rolle spielt das? Daraus folgt weder, dass Deutschland falsch liegt, noch dass alle anderen richtig liegen. Die Existenz oder Nichtexistenz eines Tempolimits sagt für sich genommen nichts über dessen Nutzen aus. Entscheidend sind die tatsächlichen Auswirkungen auf Sicherheit, Umwelt, Wirtschaft und individuelle Freiheit. Deutschland zeigt eben, dass ein hochentwickeltes Industrieland auch ohne generelles Tempolimit funktionieren kann. Es gibt ja nicht mehr viel, bei dem wir Vordenker sind. 

Fazit.

Argumente für ein generelles Tempolimit sind rar. Ein Vorteil für den Verkehrsfluss lässt sich generell nicht ableiten, da sind andere Faktoren wesentlich einflussreicher. Die Forderung ist eher eine politische denn eine rationale. Sie ist eher Ausdruck von Etatismus und politischer Leidenschaft, denn sachlich begründbar. Auch wenn die Grundlagen des Braess-Paradoxon durchaus für ein Tempolimit sprechen würden. Smiley.

Quellen / Links

Schleichen gegen Republikflucht?
Die Grünen sind ganz weit vorne: Antrag im Bundestag
Auch Volt mags lieber gemütlich
Gott will Tempolimit?
Natürlich darf Quasching nicht fehelen.
Der Verkehrsclub auf jeden Fall
Manni
Chemtrails?
Spiegel will Leben retten
Sicher: Deutsche Raser
Killer: Sepsis
Nord-Korea?
Paradox

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

WM-Farben

Papier ist geduldig.