Männerbild - Geistig schlicht
"Geistig schlicht" ist das Netteste, was man über das Papier: "Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine
Einladung für moderne Männlichkeit" sagen kann.
Das geht, solange man es halt als eine der üblichen unreflektierten Albernheiten abtut. Zu viel Pocahontas geschaut. Nicht nachgedacht. Macht nix, jeder wird mal erwachsen. Nur Dr. Krah nicht. Ungefähr auf dem Niveau der Dating-Tipps des AfD-Doktors bewegt sich das Papier:
Grüne: „Du willst jeden Tag ins Gym gehen und achtest auf deine Ernährung? Hervorragend, dass du daran Spaß hast und gesund lebst. Mach das. Du willst für deine Familie sorgen können? Großartig. […] Du willst beschützen können? Ja, bitte.“
Krah: „Schau keine Pornos. Wähl’ nicht die Grünen. Geh raus an die frische Luft. Steh zu dir. Sei selbstbewusst. […] Dann klappt’s auch mit der Freundin.“
Menschenbild?
Lustig. Albern. Zum Lachen. Das geht, solange man sich nicht allzu genau mit dem Papier beschäftigt. Solange man nicht zu lange darüber nachdenkt, welches Menschenbild hinter diesem Text steckt, das von deutschen und österreichischen Grünen MdLs, MdBs, MdEPs und Gemeinderäten unterzeichnet wurde.
Wenn man das tut, wird's einem schlecht. Mir jedenfalls. Das sind Abgründe an Menschenverachtung, an Verlust der Aufklärung, an Totalitarismus, von denen ich nicht glaubte, sie im Deutschland des einundzwanzigsten Jahrhunderts im Bundestag finden zu müssen. Und doch sind sie da. Das Papier ist gesellschaftlich deterministisch, kollektivistisch und normativ. Es ist totalitär und populistisch.
Comic?
Es arbeitet mit pauschalisierten Vereinfachungen bis hin zum Comichaften. Als käme es aus einem Disney-Film.
„Jahrhundertelang wurde Männlichkeit über Dominanz definiert. […] Ein Mann war stark, wenn er sich nahm, was er wollte – notfalls gegen Widerstand. Er war erfolgreich, wenn er andere unterwarf. Er war respektiert, wenn er keine Schwäche zeigte. […] Dieses Männerbild hat unermessliches Leid verursacht, vor allem bei Frauen, die diesem System unterworfen waren.“
Wie bitte? Waren die jahrhundertelang dabei? Kommt das aus einem Comic? Woher kommt die Gewissheit, die Plattheit wäre Wahrheit? Diese Passage reduziert sehr unterschiedliche männliche Lebenswirklichkeiten über Jahrhunderte auf Dominanz, Unterwerfung und Gewalt. Väter, Arbeiter, Soldaten, Bauern, Handwerker, Versorger oder Männer, die selbst unter gesellschaftlichen Pflichten litten, verschwinden aus dem Bild. Genau hier lässt sich der historische Determinismus festmachen: Männlichkeit erscheint nicht als vielfältige soziale Realität, sondern als ein über Jahrhunderte fortwirkendes Herrschaftssystem. Ein albernes Abziehbild der Realität.
Hoheit?
Die Verfasser erheben den Anspruch auf Definitionshoheit darüber, was Männlichkeit ist und sein sollte.
„Wir brauchen ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann. […] Wir wollen moderne Männlichkeit.“
Sie sagen nicht lediglich: Wir schlagen eine Möglichkeit vor. Sie formulieren den Anspruch, politisch festzulegen, was „gute“ und „moderne“ Männlichkeit sei. Auf welcher Grundlage tun sie das? Wie rechtfertigt sich der Anspruch mir erklären zu können was Männlichkeit ist und was nicht? Lack gesoffen? Darin liegt der autoritäre Zug der Argumentation: Der einzelne Mann definiert sich nicht einfach selbst; zunächst wird durch ein politisches Kollektiv bestimmt, welche Formen von Männlichkeit als gut, modern oder überwunden gelten.
Freiheit?
Freiheit gibt es nur unter politischem Vorbehalt:
„Moderne Männlichkeit bedeutet die Freiheit, der Mann zu sein, der du sein willst – in der Verantwortung für andere.“
Der Satz beginnt liberal, enthält aber sofort einen Vorbehalt. Entscheidend ist, wer den Begriff „Verantwortung“ auslegt. Im weiteren Text geschieht das nicht individuell, sondern anhand eines politisch vorgegebenen Gleichstellungs- und Feminismusverständnisses. Zugespitzt formuliert: Du darfst sein, wer du willst – vorausgesetzt, dein Selbstbild entspricht der Definition moderner Männlichkeit, die das Papier zuvor festgelegt hat. Ist das gewollt? Oder ist das einfach nur nicht zu Ende gedacht?
Mein Problem?
Die Autoren des Papiers behaupten jedenfalls, ich hätte eines. Ich wusste das gar nicht. Bis eben grundsätzlich männliche Probleme – und damit auch meine – durch das „alte Männerbild“ erklärt wurden.
„Das alte Männerbild war ein Käfig, nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer selbst. […] Es hat Männer in Rollen gezwungen, die sie krank gemacht haben. […] Das alte Bild hat Männer von ihrer eigenen Menschlichkeit abgeschnitten.“
Alter. Wie groß muss der Größenwahn sein, um sich zum Löser aller männlichen Probleme aufzuschwingen? Hier wird besonders deterministisch argumentiert. Komplexe Phänomene wie psychische Erkrankungen, Suizide, Einsamkeit oder beruflicher Druck werden auf ein einziges ideologisches Erklärungsmuster zurückgeführt: das „alte Männerbild“.
Das ist politisch bequem, aber analytisch dünn. Wirtschaftliche Unsicherheit, Scheidungsfolgen, Bildungsprobleme, körperlich gefährliche Arbeit, soziale Isolation und fehlende Hilfsangebote für Männer werden damit in ein bereits feststehendes Deutungsschema gepresst.
Männerlager?
Gleichstellung wird als Pflicht zur Umformung des Mannes umgedeutet:
„Moderne Männlichkeit ist die Voraussetzung für wirkliche Gleichstellung.“
Hier wird nicht nur behauptet, moderne Männlichkeit sei eine mögliche individuelle Lebensweise. Sie wird zur gesellschaftlichen Voraussetzung erklärt. Daraus folgt logisch: Männer, die diesem Leitbild nicht entsprechen, stehen der „wirklichen Gleichstellung“ entgegen. Damit wird aus einem Angebot eine moralische Verpflichtung. Der Mann wird zum gesellschaftlichen Veränderungsobjekt.
„Zu Feminismus gehört auch moderne Männlichkeit.“„Das sind keine konkurrierenden Projekte, sondern Projekte mit dem gleichen Ziel: Mehr Freiheit für alle.“
Moderne Männlichkeit wird nicht als eigenständige, von Männern entwickelte Vorstellung behandelt. Sie wird in ein bereits bestehendes feministisches Theoriegebäude eingegliedert. Damit wird aus einem Angebot eine moralische Verpflichtung. Der Mann wird zum gesellschaftlichen Veränderungsobjekt.
Frage:
Warum darf Männlichkeit nur dann als modern gelten, wenn sie Bestandteil des Feminismus ist? Weshalb können Männer ihre Rollen, Pflichten und Lebensentwürfe nicht unabhängig von dieser Ideologie definieren?
„Wir brauchen ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann.“ „Wir wollen moderne Männlichkeit.“ „Moderne Männlichkeit ist die Voraussetzung für wirkliche Gleichstellung.“
Die Grünen bieten Männern hier keine Freiheit an. Sie beanspruchen vielmehr die Definitionsmacht darüber, was „gute“ und „moderne“ Männlichkeit ist. Wer diesem politisch vorgegebenen Leitbild nicht entspricht, gilt folgerichtig als rückständig und als Hindernis für Gleichstellung. Das ist kein pluralistisches Männerbild, sondern gesellschaftspolitische Umerziehung im Gewand freundlicher Lebensberatung.
Vorbei sind Jahrhunderte der Emanzipation und des Kampfes für Gleichberechtigung – des Ringens darum, den Menschen als würdiges, denkendes Wesen und nicht als Träger eines bestimmten Genoms zu betrachten. Die Idee der menschlichen Selbstbestimmung weggewischt. Darf man Andere behandeln, als wären sie kleine Kinder – und sich selbst herrlich und völlig unberechtigterweise in die Position des Erziehungsberechtigten erwachsener Menschen befördern? Nein, in der Demokratie darf man das nicht. Das ist Totalitarismus.
Antwort:
Liebe Heulsusen:
Julian Joswig, MdB; Theo Löcker, Gemeinderat Grüne Wien; Franziska Brantner, MdB; Ricarda Lang, MdB; Terry Reintke, MdEP; Jeanne Dillschneider, MdB; Tim Achtermeyer, MdL NRW; Rasmus Andresen, MdEP; Jasper Bahlke, MdL, Schleswig-Holstein; Benedikt Döllmann, Gemeinderat Tübingen; Max Lucks, MdB; Peter Kraus, Gemeinderat, Grüne Wien; Tjark Melchert, Mitglied Grüne Niedersachsen:
Ich scheiß auf eure Erlaubnis, "stark sein zu wollen". Schiebt euch eure gönnerhaft-trottelige "Einladung" ("kein Regelwerk!") dahin, wo es dunkel ist. Ich bin Mensch mit männlichem Genom. Ich bin Fan des Selbstbestimmungsgesetzes und ändere meinen Geschlechtseintrag beim Einwohnermeldeamt täglich. Nur, um euch die Albernheit eures Papiers vor Augen zu führen.
Solange ich am Leben bin, wird es auch die toxische Männlichkeit sein. Ich bin faul, versoffen, streitsüchtig, launisch, Motorsportfan und gaskrank. Ich benutze Schimpfwörter und bin schon mal zu schnell Motorrad gefahren. Mein Leben beginnt ab 6.000 Umdrehungen. Alles andere ist nur Warten. Ich bin The Boys Fan. Ich beleidige Frauen, wie es mir gerade in den Kram passt. Genauso wie Männer. Ich weine nicht, weil ich das unmännlich finde. Wie ich mich fühle, ist mir scheißegal. Dafür gibt's Pillen und Bier.
Genauso finde ich es doof zu tanzen, gefühlsduselige Gespräche zu führen und Emotionen zuzulassen. Ich finde das nur deshalb doof, weil ich es nicht kann. Und bin stolz drauf. Ich bezahle monatlich das Fitnessstudio und gehe nie hin. Würde ich hingehen, würde ich nur Armcurls für den Bizeps machen, niemals Cardiotraining. Meine Gesundheit ist mir schnuppe. Ich halte nur Personen die Tür auf, die ich sympathisch finde. Unabhängig von ihrem Chromosomensatz. Ich lüge um der Pointe willen. Wie bei allem, bin ich auch beim Erzeugen von "unermesslichem" Leid höchstens durchschnittlich. Eher sogar ganz weit unten. Trotzdem fahre ich zur Hölle und freu mich drauf.
Ob euch das passt oder nicht, geht mir meilenweit am Arsch vorbei. Herzliche Grüße.
Quellen / Links
"Starke Männer übernehmen Verantwortung - Eine Einladung für moderne Männlichkeit"
https://table.media/assets/berlin/26_07_05_moderne_mannlichkeit.pdf
https://table.media/assets/berlin/26_07_05_moderne_mannlichkeit.pdf
Titelbild
Dr. Krah ist mindestens genauso albern
Nicht alles hat ein Happy-End
Ich bin selbstbestimmt
aber nicht blöd
auch keine F...e
Wir sehen uns in der Hölle

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