Don T. Beakunt

Ich bin Serienjunkie, natürlich.


Und deshalb froh, dass es eine fünfte Staffel von The Boys gibt. Aber ist Seriensuchten nicht intellektuelle Zeitverschwendung? Bin ich einfach nur doof genug? Möglich, aber der Ansatz von The Boys ist schon ein besonderer. Oder, wie würden Sie reagieren, wenn ein Superheld Ihren Partner aus Versehen auf der Straße in Einzelteile zerlegt? Vorsicht: Der Text enthält Spoiler.

Gewalt

Ja, ich hab's gern wenn es knallt, im Fernsehen. Ich spul schon mal vor, wenn zu lange nicht geschossen wird. Oder nachgeladen. Was soll das? Unnötig zu sagen, dass Schwarzenegger meine Ikone ist. Natürlich auch literarisch. 

Auch unnötig zu betonen, dass ich das betone, weil ich kindlichen Stolz für meine toxische Männlichkeit empfinde. Obwohl ich selbst eigentlich ein ganz netter Typ bin. Glaube ich. So wie Homelander. Was hätte er tun sollen, mit TransOceanic Flug 37 in Staffel eins, Folge vier? Er konnte nicht alle retten. Also lässt er sie alle sterben. Konsequent. Und: Die Terroristen sind auch tot. Weggelasert, ausradiert, vernichtet. SO geht man mit Terroristen um! Zumindest wenn man 9 Jahre alt ist.

Eben. Da schenkt man der Psyche, den menschlichen Konflikten nicht zu viel Aufmerksamkeit, macht sich keine Gedanken ums Nachladen. Da schaut man auf die handfesten Dinge. Physische Gewalt: Die fliegenden Brutalo-Schafe, die in Staffel vier, Folge fünf den Bullen auf V buchstäblich in der Luft zerreißen – DAS ist großes Kino. 

Fast so gut wie in Staffel zwei, Folge drei mit einem Speedboot in einen Wal zu fahren und ihn damit in der Mitte auszuweiden. Sorry Timmy. Ja, es sind nicht die leisen Töne, die einen für The Boys begeistern. Es ist die Darstellung roher, archaischer Gewalt. Es ist der erfrischende Kontrast zur Entwicklung des Jäger- und Sammlers zum Jammerlappen. Keine Angst - es ist nur CGI. Kein Wal wurde verletzt. Ich muss lachen beim Schreiben. Auch darüber Kind geblieben sein zu dürfen. Bei Bedarf.

Natürlich auch großes Kino: Terminator 2

und Charakter

Das ist es eben, was The Boys fragt: Superman war auch moralisch ein Superheld. Aber was ist, wenn der Normalo auf einmal fliegen kann? Captain America war nicht nur stark - er war auch sowas von ein netter Typ. Also ein Sonderling. Gesellschaftlich abgerichtet könnte man etwas abwertend sagen. Was, wenn die Nazi-(natürlich)-Superdroge aus Versehen weniger schwiegersohntauglichem Material verabreicht wird? Nicht dem ersten Avenger sondern zum ersten Mal dem Average Joe?

Keine Angst, Emma: The Boys bietet mehr pseudowissenschaftliche männliche Archetypen, als es Frauenzeitschriften lieb sein kann. Mehr, als den psychopathischen Narzissten mit Superkräften. Auch Weicheier (Hughie Campbell gespielt von Jack Quaid), der sich natürlich als der "wahre" Held herausstellt. Blöde F***e. Oder den Reihenhausbesitzer in New Yorker Ausprägung: Daddy Hugh Campbell senior, gespielt vom unvergleichlichen Simon Pegg. Der vom eigenen Sohn erst gerettet und dann euthanasiert wird - weil, ja warum eigentlich? -> Staffel vier, Folge sechs. Ich will ja nicht alles verraten.

Und Franzosen spielen mit! Natürlich keine echten. Ich muss schon wieder lachen beim Schreiben. Den drogen- und liebessüchtigen Killer-Franzosen verkörpert der Israeli Kapon so eindrücklich, dass es eine geopolitische Freude ist. Auch in der deutschen Synchronisation ist der französische Akzent gelungen. Und: Serge hat den Spitznamen Frenchie - nur damit das klar ist! DAS nenne ich klare Charakterzeichnung. Smiley. Und, wer spielt den unergründlich-diabolischen, feinen, hochintelligenten aber skrupellosen Geschäftsmann? Den Chef, den Boss, den Strippenzieher des unvermeidlichen Konzerns? Des malignen Konzerns, mit ebenso unvermeidlicher Nazi-Vergangenheit? Wer könnte das besser als, ja, ER ist es: "Mr. Los Pollos Hermanos" Gus Frings persönlich: Giancarlo Esposito. Gelungen.

Und, last not least, ja er ist eine Urgewalt und die darf die in The Boys rauslassen. So richtig. Es ist mir eine ehrliche, eine kindliche Freude Karl Urban als Billy Butcher nach einem von zahlreichen Morden den Raum betreten zu sehen. Und mit einem schiefen Lächeln "N'abend die Fotzen!" sagen zu hören. Ich könnt mich beölen. So cool war selbst Schwarzenegger nicht. Das ist so herrlich dämlich, provokant, unkorrekt – das ist sowas von Schulhof – es ist einfach Klasse. Und es ist auch deshalb lustig, weil "Monsieur le Charcutier", wie Frenchie ihn nennt, Engländer ist. Fiktiver natürlich, aber Sie wissen schon: Ein Engländer wie John Cleese in Ein Fisch namens Wanda - nur etwas weniger verschlossen was die Verwendung von Schimpfwörtern betrifft. Archie Leech hätte sich bestimmt kein Auto unter dem Pseudonym Don T. Beakunt geliehen, um damit zur Herogasm (ruhig ma selbst googlen) zu fahren. Sensationell.

Alter!

Unterhaltung

Klar, Billy und Homelander, das sind die beiden Kontrahenten, die beiden Hauptfiguren. Die beiden Männer ohne Benehmen, um es höflich auszudrücken. Und, wie könnte man anders als bei Homelander und seiner psychologisch implantierten Sucht danach "geliebt" zu werden, an das amerikanische präsidiale System zu denken? Wie könnte man nicht an Trump denken, der zwar nicht so gut aussieht wie John Gillman, gespielt von Anthony Starr, aber eben doch auch am liebsten von allen gemocht werden will. Obwohl er sich dabei eher ungeschickt anstellt. Der denkt, alle, die Anti-MAGA Posts liken sollten nicht ins Land dürfen, ins heilige Land. Und die, die schon da sind sollten eben in Umerziehungslager gesteckt werden? 

Wie könnte man nicht die Parallele sehen zwischen dem Superhelden, der nicht versteht, dass all seine Kraft ihm nicht hilft, glücklich zu werden. In der das betrogene Volk nur dem zujubelt, der pure, martialische Omnipotenz verspricht und dann halt mal kurz den Ajatollah wegpustet oder die Ukraine überfällt – ohne zu verstehen, ohne sich klar zu machen, dass das keine Probleme löst sondern nur neue schafft. Und Trump eben der prototypische Stellvertreter einer postmodernen Politik ist, die so tut, als würden wir immer noch in Jäger-und-Sammler-Gruppen zusammenleben und das wichtigste wäre es Stärke dem nächsten Lagerfeuer gegenüber zu zeigen. Wie die Affen.

Der Antiheld Butcher agiert und denkt genauso und doch ganz anders. Er verkörpert die juvenile Sehnsucht nach Unverwundbarkeit auf eine ganz andere Art. Er ist nicht physisch kugelsicher, wie die anderen Supes. Zumindest am Anfang nicht, Spoiler. Er ist im Gegensatz zu Homelander, psychisch unverwundbar. Die Idee wird umgesetzt. Aussicht auf Erfolg? Work-Life-Balance? Gefahren? Konsequenzen? Einkaufen bei Alnatura? Scheiß drauf, "ihr Fotzen". Erst schießen, dann fragen. 

und Sinn

Und das macht Spaß. Es hebt sich wohltuend von den gefühlt unendlich vielen Filmen und Serien ab, in denen am Anfang erstmal klar gemacht wird, dass es von nun an mit politisch korrekten Dingen zugeht. Also dass hier die Norm und die Moral im Vordergund stehen. Dass die Helden gute Familienmenschen und bescheiden sind und die Bösen abnorm und großmäulig. Nicht die Fiktion, nicht die Phantasie, nicht die Erweiterung steht im Vordergrund. Das Übersichhinauswachsen wird von Anfang an verdrögisiert. Als unhöflich dargestellt. Möglichst wenig Grenzüberschreitung - das ist gut. Und langweilig.

Im zeitgenössischen Standard-Streamingprodukt hat die Hauptfigur quotenkompatibles Geschlecht und entsprechende Hautfarbe. Bringt auf jeden Fall erst mal die Kinder zur Schule, bevor es den Mörder fängt oder gegen die Orcs kämpft. Gendert selbstverständlich, rettet Wale und ernährt sich bewusst und achtsam. Die Protagonistinnen sind Biologiestudentinnen, die was gegen den Klimawandel unternehmen wollen. Bevor der Bösewicht sie dann hinmetzelt. Und am Ende entweder stirbt oder eingebuchtet wird – DER darf psychologisch aus der Reihe tanzen. Sonst niemand. 




Verstehen Sie mich nicht falsch: ich bin Reihenhausbesitzer und habe nicht vor, jemanden umzubringen. Ich bin Hugh Campbell senior in Reinform. Aber ist das spannend, mich selbst im Fernsehen zu sehen? Bringt mich das weiter? Reizt das meine Fantasie? Ist das lustig? Stu's Schwiegervater würde sagen: "Khao"

Freie Rede

Darf man es also lustig finden, wenn ein Irrer mit Umhang und Gott-Komplex die Menschen in Stücke reißt? Also, ohne riskieren zu wollen, im ewigen Höllenfeuer zu leiden: Die katholische Kirche hat mit dieser Geschichte jahrhundertelang gutes Geld verdient. Wurde dafür sogar als moralische Instanz anerkannt. Muss da ich nun abschalten, wenn der fiktive Trottel mit der größten Kanone bestimmt wo es langgeht, weil ich dafür bin, dass meine Steuergelder verwendet werden, um den Realen zu bekämpfen? Kann ich für das Selbstbestimmungsgesetz sein und mich über die toxische Männlichkeit totlachen? 

Warum nicht. Finde ich jedenfalls. Aber längst nicht alle. The Boys steht auch für ein ganz anderes Phänomen: Das postmoderne Entsetzen über die freie Rede. Die freie Meinungsäußerung. Klar: Die modernen Medien haben das Problem erstmal so richtig ans Tageslicht gezerrt. Im ausgehenden zweiten Jahrtausend nach Christus, eine Zeit, die ich meine Jugend nenne, blieben viele gesprochene Worte, Gedanken einfach im Zigaretten- und Bierdunst der lokalen Kneipen hängen. "Graue Zellen in weicher Explosion - Sonnenaufgangs- und Untergangsvision", wie Grönemeyer sang. (Damals noch echt cool.) Die "Meinung", das was Menschen so im Frontalkortex mit sich herumschleppen, blieb geschützt vor der Meinungsfreiheit oder umgekehrt. Heute wird so gut wie alles, was es an mentaler menschlicher Hölle gibt, ans Tageslicht gezerrt. Das ist nicht immer schön und das ist einer der Kosten der Freiheit. Aber der Homo Khao kann das nicht verstehen. 

Siehe die aktuelle Spiegel Geschichte "Der Hetzer und wir". Da berichtet der Spiegel mehr oder weniger fassungslos über einen Menschen, der über Jahre Briefe, Mails, Posts an den Spiegel schickt, die zugegeben, teilweise krank sind. Widerlich. Es stellt sich raus, der Schreiber ist wohl auch tatsächlich krank. Aber der Spiegel bemüht Staatsanwaltschaft, Polizei, Kriminalämter und tut so, als würde die Gestapo wirklich zurückkommen. Klar, Marie-Agnes Strack-Zimmermann macht das auch. Und: Ich weiß wie es sich anfühlt persönlich beleidigt und angegangen zu werden, Morddrohungen zu bekommen in "sozialen" Medien. Der Spiegel, der Autor des Artikels fragt abschließend resigniert:

"Haben Sie eine Idee, was wir in solchen Fällen tun sollten? Schreiben Sie mir gern unter markus.verbeet@spiegel.de. Oder diskutieren Sie mit uns bei SPIEGEL Debatte: Sollte der Staat mehr gegen Hass und Hetze unternehmen?"

Leute: Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Menschen denken so. Ob wir das nun gut finden oder nicht. Wir können nicht mehr so tun, als wäre das nicht wahr, nur weil die Runde am Lagerfeuer brav die Klappe hält. Als könne man Gedanken einfach verbieten, weil sie einem nicht gefallen. Klar, man muss sich nicht alles bieten lassen. Es muß auch im freien Rechtsstaat mit Gewaltmonopol möglich sein, seine Ehre zu verteidigen. Man muss sich nicht jede Ekelhaftigkeit gefallen lassen. Aber, Spoiler: Man kann das Wort verbieten – das Denken nicht. Und es wird gedacht. Tausendfach. Millionenfach. Milliardenfach. Deswegen – Vorsicht: Klar, wir könnten dem Vorbild des Kaisers, der Ayatohllas, von Trump, von Putin, von Erich, von Adolf und von Homelander folgen. Wir könnten viel genauer und flächendeckender hinschauen, bewerten was Menschen sagen und schreiben. Und dann viel öfter selektiv verbieten, was wir für beleidigend halten. Mit Sanktionen bewehren. Umerziehen. Aber: Es wird sich nichts ändern. Der Mensch denkt trotzdem weiter - und sucht sich andere Ventile für seine Gedanken. Ob man ihm jetzt mit Lager oder dem Strafgesetzbuch droht. Besser: Öfter mal Löschen und Ignorieren. Den Brabbelnden weiter weg setzen vom Lagerfeuer, da wo man ihn nicht so hört. Anstatt ihn zu verbieten. Oder, ganz extremer Gedanke: Sich auseinandersetzen. Man muss nicht bei jeder Gelegenheit den gendernden Woki raushängen, um der Peergroup zu beweisen wie toll und modern man ist – das genaue Gegenteil ist der Fall. Man braucht Mut.

Beweis

Der Beweis? Der Erfolg von The Boys. Anarchie, Gewalt und Pornographie im Kopf aber Zusammenleben wie die Schafe – Wir können es nicht. Wir lernen immer noch. Wir sind immer noch Jäger und Sammler - größtenteils laktosetolerant ja, und halt mit Tesla und Atombombe. Aber, innerlich sitzen wir im Gral ums Lagerfeuer und erzählen uns in überschaubarer Gruppe Schauergeschichten. Und müssen gleichzeitig mit den globalen Informationsangeboten des 21. Jahrhunderts zurechtkommen. Das schaffen wir nicht. Aber es geht nicht anders. Und bei nicht wenigen ist die Sehnsucht nach Autorität, Führung und Einfachheit überwältigend – aber gleichzeitig gendern sie und jammern um Wale und das Klima um es nicht zugeben zu müssen. Die Wahrheit ist, was die schlaueste Frau der Welt, eine Schwarze, natürlich, in Staffel fünf, Folge vier sagt um den Präsidenten unter Druck zu setzen: 

"Sie wollen doch wohl nicht, dass unsere Kinder was über schwule Pinguine lesen oder zu woken Djihadisten werden?

Nein. Bei aller Liebe zur Aufklärung: DAS wollen wir nicht. Da kann ich nur sagen: Khao, ihr F*t***.

Ich warte ungeduldig auf die nächste Folge. Neugierig. Naiv. Oder doof, je nachdem. Aber ich bin noch da und es ist mir egal. Das ist meine Superkraft, deswegen ist Butcher mein Held. Und, ich weiß auf jeden Fall, wie ich meine nächste Steuererklärung unterschreibe.

Quellen / Links

Wikipedia (unbeliebt bei Autoritären): The Boys
https://de.wikipedia.org/wiki/The_Boys_(Fernsehserie)
Mathias Zeuner (unbeliebt bei Frauen): Toxisch
https://mathiaszeuner.blogspot.com/2025/05/blod.html
Homelander (beliebt bei Amazon): Erinnert mich irgendwie an Trump
https://en.wikipedia.org/wiki/Homelander
Wal Timmy (Total beliebt bei Apex-Prädatoren)
Zeitschrift Emma (weder noch: uninteressant)
Israeli (geliebt von Frauen und Männern): spielt prototypischen Franzosen
Frittierte Hähnchen und V (sehr beliebt aber ungesund)
Hang Over II (Nicht nur beliebt bei Fans von wäßrigem lauwarmen Reißbrei)
https://www.imdb.com/de/title/tt1411697/quotes/
Spiegel (unbeliebt bei Hassenden und Hetzenden)

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