Zarathustra down II

 Ja, es hat nicht jeder eine liberale politische Grundhaltung.

Mathias Zeuner Zarathustra down II

Macht ja nichts. Seine politische Haltung muss jeder für sich selbst finden. Das musste auch Levinas.
Die Idee der freien, demokratischen Gesellschaft, des liberalen Rechtsstaats, ist im Bürokratiesozialismus des 21. Jahrhunderts nicht beliebt. Jedenfalls ist die politische Vertretung dieser Idee, die FDP, nicht beliebt. Ist das nun ein Missverständnis, fehlendes Vertrauen in die liberale Bewegung in Deutschland oder eine bewusste Entscheidung? Gar eine Frage der Philosophie? Ich wurde aufgefordert, nachzusehen was Emmanuel Levinas (ohne Accent) dazu sagt.

Missverständnis?

Klar, da ist das Stereotyp, dass man Porsche fahren müsste, um sinnvollerweise FDP wählen zu können. Schließlich macht die FDP ja angeblich Politik für "Reiche". Hat abgenommen, begegnet mir aber immer wieder. Ich fahr BMW. Nein, im Ernst: In Wahrheit ist es anders: Man muss FDP wählen, um das Porsche fahren nicht verboten zu bekommen. Dem freien Demokraten ist es vollkommen Hupe, wie sich jemand von A nach B bewegt. Freies Wirtschaften, materielle Prosperität und teure Autos sind eine emergente, eine mögliche Folge des liberalen Menschenbildes - nicht dessen Voraussetzung.

Ein weiteres Vorurteil, eine Fehlinterpretation, ist es, die politische Freiheitsbewegung mit Anarchie zu verwechseln. Freie Demokratie ist nicht die Abwesenheit von gesellschaftlichen Regeln - im Gegenteil: Konventionen sind konstitutioneller Bestandteil der freien Gesellschaft. Ohne Regeln keine Freiheit. Die Dosis macht das Gift

Damit verbunden ist die Infantilisierung, die Trivialisierung des gesellschaftlichen Freiheitsbegriffs. Klar, nicht jedem ist das Streben zum Übermenschen nietzscheanischer Prägung in die Wiege gelegt. Aber so doof, wie die AfD das glaubt, ist der deutsche Michel nicht. Die zeitgenössische Verzwergung des Freiheitsbegriffs ist schon bemerkenswert. 

Gibts Freiheit überhaupt?

Linke, Rechte und der Papst sind sich in einer Sache einig: Die Freiheit, die wir meinen, die gäbe es gar nicht. Sie wäre ein Illusion. Kein Wert an sich. Der Mensch wäre nur wirklich frei, wenn er gesagt bekommt was er zu tun hat. Wenn Sie mich fragen – ein billiger Trick um den eigenen, absoluten Machtanspruch zu kaschieren. Den Unwillen sich mit anderen Gedanken auseinanderzusetzen. Die Freiheit zu leugnen ist kein philosophischer Ansatz – es ist ein Machtwerkzeug. Ein Fehler.

Genauso wie es ein Fehler ist zu glauben, der Begriff der liberalen Leistungsgesellschaft wäre ein Synonym für Ausbeutung. Der Begriff ist natürlich mit den Jahren umgedeutet worden. Der Liberale versteht die Leistungsgesellschaft als Summe von individuellen Möglichkeiten. Der Linke als Summe der Ausbeutung des Arbeiters. Aber schon allein die Schublade "Arbeiter" ist keine liberale. Man "ist" kein Arbeiter. Man arbeitet. Oder nicht. Leistung ist was anderes, nicht dasselbe wie Fließbandarbeit bei Ford 1925. Es ist die Möglichkeit (!), sich über seine Individualität in der Gesellschaft zu definieren, seinen Platz dort zu finden. Und eben nicht über Merkmale wie Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion. Sich selbst zu bestimmen und das nicht dem Fürst, dem König oder der Bürokratie zu überlassen.

Abgrenzung, nicht Ausgrenzung

Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich ist es kein Fehler, sozialistisch oder konservativ zu denken. Die Gesellschaft vor das Individuum zu stellen. Die Porsches aus dem Straßenbild zu verbannen zu wollen. Und sich politisch bewußt gegen die freien Demokratie zu entscheiden. Es ist eine Entscheidung. Am Ende ist es in vielen Bereich eben nur eine Frage der Ausdehnung bestimmter Phasen oder Dimensionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in die eine oder andere Richtung. Anders gesagt: Die Vernünftigen können gemeinsam einen Weg finden. Sich einigen. Kompromisse schließen. Daher beschwören wir ja auch aktuell eben die, wie ich finde richtige, Abgrenzung von politischer Mitte und den Rändern. Nicht Ausgrenzung - die halte ich für falsch. Der Demokrat kann mit allen reden. Er muss es. Ob eine sinnvolle Diskussion zustande kommt ist eine andere Frage. Und ich muss auch zugeben: Ich liebe den Begriff der "politischen Mitte" gar nicht so sehr; er klingt halt allzu oft nach Mediokratie. Nach Mittelmäßigkeit. Und die ist das Letzte, was wir brauchen.

Zum Punkt bitte

Kommen wir nun zum Punkt. Wobei der eigentlich sehr kurz erzählt ist. Levinas postuliert, dass der Mensch durch Ethik und Moral definiert wird. Also von anderen. Für Nietzsche steht die Freiheit der Selbstbestimmung im Vordergrund. Und so sehe ich das auch: Du sollst der werden, der du bist.

Bitte: Weder behaupte ich Levinas' oder Nietzsches Werk vollständig durchdrungen und richtig interpretiert zu haben. Oder das zu können. Auch ist völlig klar, dass die Werke der beiden Zitierten weit über die kurzen Zeilen hinausgehen, nicht repräsentativ für diese sind. Ich stelle mit der Abgrenzung auch nicht die Position der FDP dar - es ist meine eigene.

Aber, wenn schon Philosophen zur Rechtfertigung politischer Sichtweisen herhalten müssen: Man kann die Positionen Levinas und Nietzsches durchaus als Ausdruck der Dialektik zweier unterschiedlicher politischer Denkweisen oder, besser, zweier unterschiedlicher Betrachtungsweisen der menschlichen Gesellschaft sehen. Wer Levinas Werk als die primäre menschliche Pflicht zur Verantwortung gegenüber der Gesellschaft interpretiert, für den ist die sozialistische Ordnung, die strenge Regelung, die konsequente politische Wahl. Wer, wie ich, Ethik und Moral als prinzipiell menschengemacht und damit als zwingend evolutionär, also zur Veränderung, zur Anpassung an die menschliche Entwicklung genötigt sieht, der wird kein sozialistisches oder konservatives Gesellschaftsbild haben. Der sieht eben den Mensch als selbstbestimmtes und freies, im Sinne von nicht durch überholte Konventionen beschränktes, Individuum im Zentrum des politischen Handelns.

Das wichtigste

Aber, und das ist das wichtigste: Die eigene politische Positionsfindung steht nicht in Büchern. Levinas oder Nietzsche zu lesen, sich damit zu beschäftigen, ist sicher kein Fehler, schadet nicht, im Gegenteil. Bildung ist essenziell für den eigenverantwortlichen Menschen. Aber ausschlaggebend ist nicht die Rezeption. Es ist der aktive Prozess, die eigenen Gedanken dazu. "Sapere aude" hat Kant mal gesagt. Hat auch die Aufklärung erfunden. Vermutlich würde er heute FDP wählen. Nietzsches Zarathustra auch. Der historische Z eher nicht. Levinas auch nicht.

Bad Company

Ist der Liberale der Bad Boy der Demokratie?

Quellen / Links

Saugt mehr Feinstaub an als er rausbläst: mein Diesel.
Soziale Marktwirtschaft ist emergent. 
Man kann alles übertreiben.
Ich lese Nietzsche. Manchmal. Ich hab auch ChatGPT.
Bloß keine Herrschaft der Mittelmäßigkeit.
Mein Hund ist Neoliberaler. Ich auch.
Man muss auch mal selbst denken.

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