Verpasste Chancen

Ich bin überzeugter Demokrat.

Mathias Zeuner - Verpasste Chance

Natürlich auch überzeugter Freier Demokrat. Aber das Bekenntnis zur Demokratie ist heute fast noch schwieriger als jenes zur FDP.
 Ich verstehe das. Das pluralistische, das demokratische Deutschland verpasst wichtige Chancen und die Menschen spüren es. Deswegen ist die Sehnsucht nach den "starken Männern", nach autoritärer Politik, nach Einfachheit groß.

In Deutschland

In Deutschland manifestiert sich das an den Erfolgen mehr oder weniger korrumpierter rechts- und linkspopulistischer Parteien. Und natürlich, auch das gehört zur Wahrheit, in dem längst in religiösen Wahn ausgearteten grünen Weltenrettungsanspruch. Dem Wunsch danach, Deutschland in einen autoritären Umweltknast umzubauen.

und dem Rest der Welt

In den USA hat sich die Sehnsucht nach Einfachheit und Klarheit in der Politik in Trump manifestiert. Der staatliche Mörderbanden durch Städte ziehen lässt, die die Bevölkerung im Namen des Gesetzes terrorisiert. Und der es geschafft hat, das wieder als salonfähige Politik der harten Hand zu verkaufen. 

Zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hört man nicht wenige sagen, inklusive Trump, dass der Stärkere automatisch gewinnt. Sich zu wehren sei sinnlos, ja geradezu moralisch verwerflich. So als wäre es die Pflicht der überfallenen, militärisch unterlegenen Ukraine, sich in ihr Schicksal zu ergeben und sich von Rumpelstilzchen verfrühstücken zu lassen. 

In China sagt Jinping als Autokrat, wo es langgeht. Und verantwortet als solcher mehrere tausend Hinrichtungen im Jahr. Immerhin agiert er zugegebenermaßen schlauer als seine tumben Diktatorenkollegen in USA und Russland. Aber auch er lässt keinen Zweifel daran dass er glaubt wie selbstverständlich einen territorialen Anspruch auf das halbwegs demokratische Taiwan zu haben. 

Im Iran herrschen totalitäre Mullahs wie im Mittelalter - und der Widerstand, zwar vorhanden, aber doch offensichtlich in der Minderheit gegenüber denen, die das toll finden. Warum? Warum lässt die Mehrheit der Nordkoreaner sich von ihren geliebten Führer sie terrorisieren? Warum wählen die Bewohner des Gaza-Streifens sich eine terroristische, eine totalitäre Vereinigung als Regierung?

Woher kommt das? Warum huldigen Milliarden Menschen Witzfiguren, geradezu Karikaturen, wie Weidel und Krah, Trump und Putin, Chamenei, Jinping und Jong-un? Hatte Honecker am Ende doch recht?

haben viele die Schnauze voll

Klar: Wir sehen in pluralistischen westlichen Demokratien quälende, langwierige sich im Kreis drehende Debatten. Und wir sehen sie öffentlich, weil zumindest eine kleine Schar an Meinungs- und Medienfreiheit festhält. Die Masse längst nicht mehr. Die ist ihr überdrüßig geworden. Heutzutage ist der katholische Papst offener gegenüber Presse- und Medienfreiheit, als seine Fußtruppen in Deutschland. Die Debatte zerrt an unseren Nerven. Auch an meinen. Wer würde bestreiten, dass die Ampelregierung eine mediale Zumutung war? Wer würde bestreiten, dass es die Regierung Merz nicht weniger ist?

Wir haben es eiliger, die Zündschnur wird kürzer. Wir sehen Auseinandersetzungen über Fragen, deren Beantwortung zumindest im Blick einer medienverwöhnten Öffentlichkeit, schnell erfolgen müsste. "Es ist doch fünf vor Zwölf." Oder viertel vor. Oder 85 Sekunden vor Doomsday-Clock. Wir sehen Regierungsstrukturen richtigerweise im permanenten Kreuzfeuer medialer Kritik, wobei die Kritik natürlich eigene Partikularinteressen vertritt. Das ist anstrengend. Das fordert intellektuell. War es früher nicht alles einfacher? Ja, war es. Oder erliege ich da auch dem "Rosy-View"? Der zwar natürlich-menschlichen, aber eben systematischen Verklärung der Retrospektion? 

So oder so, es ist kein Wunder das allenthalben die Rückkehr früherer gefühlter Erlöserfiguren gefordert wird. Ich kanns wirklich nicht mehr hören, obwohl es natürlich große Politiker waren, den Wunsch nach der Wiederauferstehung von Brandt, Schmidt und Genscher. Wenns sein muss auch Wehner und Strauß, um Himmels willen bitte in Schwarzweiß und ohne Memes. "Das waren noch Politiker". Ich behaupte auch da steckt nichts anderes als die gleiche Sehnsucht dahinter: "Schluß mit Palaver, Faust auf den Tisch". Einfache Probleme, einfache Lösungen. Schnell." Und, die Tendenz geht dazu noch weiter in die Vergangenheit zu schauen. Das Konterfei des Kaisers im zeitgenössischen Restaurant ist da konsequenter Ausdruck einer Sehnsucht des Zurücks in die gute alte, die autoritäre, die einfache Zeit. Einer Zeit, die nie existiert hat und auch nie existieren wird. 

Geronimo

Sentimentale Gefühle als politische Leitlinie? Gäbe es Trump, wenn Geronimo gewonnen hätte? Nein, so einfach ist es nicht. Die Ratio, die Komplexität wird im populistischen, im post-liberalen Geheul ausgeblendet. Und es wird gerne vergessen, dass man nicht allein auf der Welt ist. Gerade der individuelle Blick auf Sachverhalte wird als hinderlich abgelehnt. Die Meinungsvielfalt als negativ empfunden. "Die Welt geht unter, wie kann es da zwei Meinungen geben?" "Am Stammtisch, im Forum sehen das auch alle so, also muss es doch richtig sein"? 

Ich bin auch deswegen Demokrat, weil mit nüchternem Blick betrachtet, die marktwirtschaftlich und rechtsstaatlich organisierte Demokratie schlicht den Ein-Mann Führungen überlegen ist. Weil lächerliche Möchtegern-Kaiser-Regierungen zwar dem modernen Hunger nach medialer Aufmerksamkeit und befriedigenden Kurzgeschichten gerecht werden. Aber am Ende doch nur Pyrrhussiege erzielen. Große Klappe haben ist gut für kurzfristigen Erfolg und Applaus. Aber: Tausendjährige Reiche kollabieren schnell. Die Demokratie ist langfristig erfolgreicher und effizienter. 

Probleme, Probleme ...

Und das muss sie auch sein. Denn, eines ist richtig, da stimme ich zu: Die Probleme werden weder weniger noch kleiner. Deswegen erlaube ich mir eine Auflistung der aus meiner Sicht drängendsten Probleme in Deutschland. Der Probleme, die dringend einer ernsthaften politischen Betrachtung bedürfen. Einer Betrachtung, die ich, obwohl alter Medien-Junkie, aktuell durch Regierende (m/w/d) nicht wahrnehme. Kann sein, dass das meine Schuld ist. Kann sein, dass ich das deutsche Zwangsfernsehen und dessen KI-generierte Reportagen nicht aufmerksam genug verfolge. Kann aber auch sein, dass das im Koalitionsstreit untergeht. Oder, dass es einfach nicht passiert, weil Merz nichts weiter interessiert, als an der Regierung zu bleiben. Bloß nicht den Lindner machen.

1. Standortpolitik: Energiepreise und Industrie

Deutschland hat strukturell hohe Strom- und Netzkosten. Gleichzeitig fehlt eine konsistente Industriestrategie.

Verpasste Chance:

  • Klare Priorisierung energieintensiver Schlüsselbranchen
  • Marktdesign-Reform für Strom (Kapazitätsmarkt, Netzentgeltsystematik)
  • Beschleunigte Genehmigungen ohne politische Symboldebatten

Konsequenz bei weiterer politischer Untätigkeit:

  • Deindustrialisierung „auf Raten“
  • Wertschöpfungsverlagerung ins Ausland
  • Schrumpfende Gewerbesteuerbasis (für Kommunen besonders relevant)


2. Bürokratie und Planungsrecht

Genehmigungsverfahren dauern zu lange. Digitalisierung der Verwaltung ist fragmentiert.

Verpasste Chance:

  • Radikale Vereinfachung des Planungs- und Umweltrechts
  • Einheitliche digitale Verwaltungsstandards
  • Sunset-Klauseln für Regulierungen

Konsequenz:

  • Investitionen bleiben aus
  • Mittelstand verliert internationale Wettbewerbsfähigkeit

Deutschland reguliert nicht zu viel aus böser Absicht – sondern aus Akkumulation. Das wird nicht systematisch zurückgebaut.


3. Demografie und Sozialstaat

Alterung und umlagefinanzierte Systeme -> sinkende Anzahl Beitragszahler.

Verpasste Chance:

  • Ehrliche Rentenreform (Eintrittsalter, Kapitaldeckung, automatische Demografie-Mechanismen)
  • Klare Arbeitsanreize statt Transferausweitung
  • Konsequente Fachkräftezuwanderung mit Integrationsdruck

Konsequenz:

  • Steigende Lohnnebenkosten
  • Abwanderung qualifizierter Leistungsträger
  • Intergenerationelle Verteilungskonflikte

Hier fehlt politische Ehrlichkeit. Man verschiebt Lasten – strukturell.


4. Steuer- und Abgabenstruktur

Hohe Grenzbelastungen bei mittleren Einkommen, kalte Progression, komplexes System.

Verpasste Chance:

  • Tarifglättung im Mittelstandsbauch
  • Unternehmenssteuerreform im internationalen Vergleich
  • Systematische Subventionsprüfung

Konsequenz:

  • Leistungsanreize sinken
  • Kapital fließt ab
  • Steuerbasis wird fragiler


5. Bildung und Leistungsorientierung

Sinkende Kompetenzniveaus, hohe Bildungsungleichheit, zu wenig Exzellenzförderung.

Verpasste Chance:

  • Verbindliche Leistungsstandards bundesweit
  • Fokus auf MINT und ökonomische Grundbildung
  • Stärkere Differenzierung statt Nivellierung

Konsequenz:

  • Innovationskraft erodiert
  • Soziale Mobilität sinkt


6. Verteidigungsfähigkeit und geopolitische Realpolitik

Zeitenwende angekündigt, strukturelle Reformen schleppend.

Verpasste Chance:

  • Beschaffungswesen radikal verschlanken
  • Europäische Rüstungskooperation bündeln
  • Strategische Rohstoffpolitik

Konsequenz:

  • Abhängigkeiten bleiben
  • Politische Glaubwürdigkeit leidet


7. Digitalisierung und KI

Deutschland konsumiert Technologie, entwickelt aber zu wenig Plattformökonomie.

Verpasste Chance:

  • Öffentliche Daten als Innovationsressource
  • KI-Anwendung im Mittelstand systematisch fördern
  • Staatsmodernisierung durch Automatisierung

Konsequenz:

  • Produktivitätsstagnation
  • Abhängigkeit von US- und China-Plattformen


Eine nüchterne Diagnose

Deutschland ist nicht in einer akuten Krise. Deutschland ist nach wie vor ein wirtschaftlich prosperierendes Land mit einem stabilen freiheitlich-demokratischem Regierungssystem. Aber Deutschland steht auf der Bremse. Mit beiden Füßen. 

Wir stehen nicht kurz vor der Katastrophe. Wir warten nicht auf die Ankunft der apokalyptischen Reiter. Es ist nicht viertel vor Zwölf. Aber es ist an der Zeit, politisch von der Bremse zu gehen und Gas zu geben. Es ist Zeit wieder zur politischen Vernunft zurückzukehren. Zur Mitte. Aber nicht zur Mediokratie. Sondern eben zur radikalen Mitte. 

Deutschland muss wieder politisch handlungsfähig werden. Das geht nur an der Wahlurne. Holen wir uns die verpassten Chancen zurück.

Quellen / Links

Hoffnungslos mittelmäßig
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-skandal-das-steckt-hinter-den-vorwuerfen-der-vetternwirtschaft-a-2885f02b-57ca-4536-b5d4-518829bad581
Widerlich und brutal
https://mathiaszeuner.blogspot.com/2026/01/get-fuck-out.html
Starker Mann?
https://www.amnesty.de/sites/default/files/2025-04/Amnesty-Bericht-Todesstrafe-weltweit-2024-auf-Englisch-April-2025.pdf
Terror regiert
https://mathiaszeuner.blogspot.com/2025/10/gaza.html
Going down
https://mathiaszeuner.blogspot.com/2026/01/going-down.html
Früher war alles besser
https://en.wikipedia.org/wiki/Rosy_retrospection
Fünf vor Zwölf
https://thebulletin.org/doomsday-clock/
Kein leichter Job
https://de.wikipedia.org/wiki/Pyrrhussieg
Bitte alles nur keine Mittelmäßigkeit
https://mathiaszeuner.blogspot.com/2026/01/mediokratie-nein-danke.html

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