Kalt. Vorgestern, am Tag vor dem 11. Juni 2026, dem deutschen Hitzeaktionstag, habe ich die Heizung wieder eingeschaltet. Es war einfach zu kalt im Wohnzimmer. Jetzt habe ich das Fenster etwas aufgemacht, um kühle Luft von draußen hereinzulassen. Natürlich war ich auch wieder unartig. Hab mich auf Facebook lustig gemacht über das deutsche, aktionistische Spießertum. Argumente?
Das immer noch nicht, auch 2026 noch nicht, verstanden hat, dass es nicht allein auf der Welt ist. Dass am deutschen Wesen die Welt nicht genesen wird. Ich habe geschrieben:
"Dran denken: Heute ist Hitzeaktionstag. Ich hab die Heizung im Wohnzimmer etwas runtergedreht. Das Fenster aufgemacht, um etwas kühle Luft von draußen hereinzulassen. Bitte: Wetter ist kein Klima!"
Bild meines Facebook-Posts zum deutschen Hitzeaktionstag.
Ja, den gibt's wirklich.
War nur Spaß. Aber es half nur wenig gegen den Juni-Regen-Blues. Ich versuche mich abzulenken.
Und erinnere mich unaufgefordert an meine Schulzeit. Es müssen die frühen achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen sein. So 1982. Der Rudi-Carell-Song „Wann wird's mal wieder richtig Sommer?“ von 1975 war da schon gut gereift. Kein Blues, aber ein Ohrwurm. Nur Blues.
Ich erinnere mich also, wie ich vor 44 Jahren in diesem Klassenzimmer saß, und das Bild und der Ton in meinem Kopf sind so klar, als wäre es gestern gewesen. Ich erinnere mich nicht an den Wortlaut. Aber es war ein ähnlich nasskalter, trostloser Tag im Sommer, als ein Lehrer sagte, sinngemäß, und es brannte sich in mein Gehirn ein:
„Jungs, ihr könnt sagen, was ihr wollt – dass wir so kalte und nasse Sommer haben, da könnt ihr mir erzählen, was ihr wollt – das ist die Folge der ganzen Atomkraft. Der Tests und so. Des menschlichen Eingriffs in die Schöpfung.“
Das war deutlich vor Tschernobyl, vor Fukushima sowieso. Der Mann war kein Grüner, damals hießen die noch Startbahngegner, weiß Gott nicht. In einer katholischen Jungenschule war das politische Klima eher konservativ-christlich geprägt. Klar, es herrschte Kalter Krieg, und die Bedrohung, dass Deutschland im atomaren Feuer der Supermächte untergeht, war damals real. Ich schaute ab und zu mal gen Osten, um zu sehen, ob die Russen kamen.
Die Schuldigen am Wetter waren also klar: der atomare Mensch, der sich gottlos auf die Quanten-Ebene begab. Dahin, wo er nichts zu suchen hat. Und wird dafür bestraft. Mit Frühlingsblues.
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| Der Tag nach dem deutschen Hitzeaktionstag. Trostlos. Da denkt man mal über die Vergangenheit nach |
Und ich erinnere mich an eine Wahlkampfveranstaltung im Frankfurter Palmengarten mit Christian Lindner. Weitaus weniger lang her. Ich meine, es war die Abschlussveranstaltung zur hessischen Landtagswahl 2023. Und:
Es war scheiße heiß draußen, selbst abends. Da kamen, ich glaube es waren zwei, ältere Damen herein und hielten Schilder hoch. Lindner begeisterte mich von der Bühne mit scharfer und kluger Auseinandersetzung mit der deutschen Politik. Mit der Leidenschaft für ein liberales Deutschland. Auf den Schildern stand irgendwas wie: „Hitze“ und „Dürre“. Sonst nichts oder nicht viel. Die hielten die Aktiven hoch. So, als wäre es eine Anklage gegen Lindner, gegen die im Saal, die applaudierten. So, als wäre das ein sinnvoller Beitrag zur globalen Emissionspolitik. Sie hatten Gott und die Atommächte gegen mich und Lindner als Sündenböcke fürs Wetter eingetauscht. Den Wunsch nach Monokausalität, nach Theismus in einer komplizierten Welt nicht. Das erschütterte mich. Ich dachte: Kann es sein, dass die deutsche Umweltdebatte tatsächlich dermaßen verkürzt wird? Dermaßen wenig ernsthaft über Lösungen diskutiert wird? Das Symbole, Götzenanbetung wieder wichtiger geworden ist als die Ratio, die Aufklärung?
Ironie
Es ist eine der vielen Ironien dabei, dass es jene christliche Jungenschule war – und es war eine gute Schule – die mich Achtung vor der Wissenschaft gelehrt hat. Vor allem die fundamentalen Unterschiede zwischen einer religiösen Betrachtung der Welt und einer wissenschaftlichen. Beide können natürlich zusammen existieren. Aber man darf sie nicht zusammenwerfen. Dann wird's seltsam.
Dann zu behaupten, das Wetter ließe sich auf singuläre Ursachen reduzieren – das ist unterkomplex, das weiß ich seitdem.
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| Nützt nichts gegen globale CO2 Konzentration: Problempony |
Das ist fast genauso albern, nein, es ist genauso dämlich, wie zu Tausenden zu „Klimakonferenzen“ zu reisen, CO₂-intensiv, und dann dort das globale Klima auf die Dezimalstelle genau zu beschließen.
Das ist der gleiche Erkenntnishorizont auf dem Atombomben pauschal für Regen oder Lindner und die FDP für Dürre verantwortlich gemacht werden. Es ist keine Analyse, keine Idee. Es ist die peinliche Zurschaustellung von Panik und Hysterie. Der Angst vor großen Aufgaben.
Das Problem ...
Ich wiederhole selbstverständlich mein Mantra: Wir haben ein Problem. Ich habe ein Problem, denn ich will meinen Kindern eine lebenswerte Umwelt hinterlassen.
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| CO2 Gehalt der Atmosphäre, gemessen seit 1960 am Mauna Loa Observatorium, Hawai. |
Der CO₂-Gehalt der Atmosphäre steigt. Das kann man natürlich einfach abstreiten, wie das die Putin- und Kaisertreuren gerne machen:
„Wir bezweifeln aus guten Gründen, dass der Mensch den jüngsten Klimawandel, insbesondere die gegenwärtige Erwärmung, maßgeblich beeinflusst hat oder gar steuern könnte. Klimaschutzpolitik ist daher ein Irrweg.“
Dieses Zitat stammt aus dem Europawahlprogramm der AfD 2019. Es bestreitet nicht den Klimawandel an sich, wohl aber die zentrale Aussage der modernen Klimaforschung, dass die gegenwärtige Erwärmung überwiegend menschengemacht ist. Ein weiteres häufig zitiertes Beispiel aus dem AfD-Grundsatzprogramm lautet:
„CO₂ ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens.“
Das ist zwar keine direkte Leugnung steigender CO₂-Emissionen, wird aber von der Partei als Argument gegen eine CO₂-Reduktionspolitik verwendet. Noch deutlicher ist ein Antrag der AfD-Bundestagsfraktion von 2023:
„Klimaschutz ist ein politischer Kampfbegriff, das Klima lässt sich nicht schützen, der menschliche Einfluss auf das Klima ist umstritten.“
Populisten, die einfach nur kuschelig in ihrer anachronistischen Wohnküche sitzen wollen. Diese Einstellung finde ich halt auch nicht wirklich klug. Keinen Millimeter besser geeignet, das Problem anzugehen, als die Ignoranz deutscher Klimaaktivisten. Mindestens genauso dämlich, wie mit Problempony an Operngeländern festzukleben. ... läßt sich nicht einfach wegleugnen
Es nützt nichts, die Treibhausgaskonzentration steigt. Andere Emissionen auch. Und das hat Einfluss auf das weltweite Wettergeschehen, auf das Klima. Das ist schlecht. Deswegen ist es wichtig, sich zu überlegen, wie man den Hunger der Weltbevölkerung nach Prosperität, nach Wohlstand, nach Energie zukünftig ohne CO₂-Zuwachs in der Atmosphäre stillen kann. Symbolpolitik nutzt nichts. Auch wenn der einzelne Chinese statistisch etwas weniger CO₂ emittiert als der Deutsche: Dem Klima, dem CO₂-Kreislauf, ist es völlig egal, wer das CO₂ wo in die Luft bläst. Ob in Shanghai, in Houston oder in Pfungstadt – es spielt keine Rolle. Es kommt immer am Mauna Loa an. Und es hat Einfluss auf das globale Klima.
Niemand würde bestreiten, dass wir eine Reihe extrem heißer und trockener Sommer hinter uns haben. Und dass die letzten Winter eher mild waren. Und dass wir natürlich ein globales CO₂-Problem haben. Aber mit Schildern, auf denen „Hitze“ und „Dürre“ steht, auf einer FDP-Wahlveranstaltung aufzutauchen, also die Suche nach Ursachen extrem zu verkürzen, zu versuchen, die Bürger in Klimaheilige und Klimasünder einzuteilen – das ist albern. Das hilft niemandem. Wir brauchen intelligente Lösungen. Wir brauchen globale Lösungen. Und wir brauchen Lösungen, die von den Menschen angenommen werden.
Und Lösung
So wird das nichts. Das ist kein „Parteien-Bashing“. Ich habe mich nur über albernen deutschen „Hitzeaktionismus“ lustig gemacht. Und das sollte man tun.
Denn: Würde ich über das globale CO₂-Problem reden, über die globale Ökosphärenbelastung, die durch eine wachsende Weltbevölkerung von 8 Milliarden Menschen und deren Wunsch nach Wohlstand und Industrialisierung erzeugt wird, dann würde ich sagen: Deutschnationaler Klima-Aktionismus und -Infantilismus sind kontraproduktiv. Das ist das Gegenteil davon, Verantwortung zu zeigen.
Hysterie, Panikrhetorik und Abschottung sind keine guten Ratgeber, wenn es um globale Probleme geht.
Die kollektive deutsche Flucht nach Lönneberga, das alberne Geschrei von „Klimaaktivisten“ und Alibi-Grünwählern sind kein Beitrag zur Lösung dieser Probleme. Sie machen uns zum Gespött der Weltöffentlichkeit.
Und das macht mich schon wieder melancholisch. Wirs Zeit das die Sonne rauskommt.
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